Narrativ vom aufsteigenden Affen:

In einer Veranstaltung des Guardian, wird Terry Pratchett gefragt, was er von Gottheiten und dem Glauben an Gottheiten hält.

https://www.youtube.com/watch?v=DXpADdYpLsI&list=PL1mQvgsUMHbUqyhPZTjJu7dDxxpD15jNy

 

Seine Antwort kommt nicht direkt zum Punkt. Er holt weit aus, empfiehlt Carl Sagan’s Cosmos (Vollkommen zurecht: Go Get it !) und entwickelt dann einen spannenden Narrativ, der es wohl wert ist, sich durch die Konfusion durchzuhören.

Original (Englisch) – Deutsche Übersetzung weiter unten
(eigenes Transscript) “My religion, such as it is, is that we are shaped by the universe to be it’s consciousness. We tell the universe, what it is. In my religion, the building of a telescope is the building of a cathedral. (…) I find it far more interesting, and in a sense far more religiously interesting, that a bunch of monkeys got down off trees and stopped arguing long enough, to build this to build that, to build everything. I mean monkeys – our heritage is in difficulties climb a tree and throw shit at other trees. … I mean actually that’s so much more interesting than being fallen angels. (…) Because in fact within the story of evolution is a story far more interesting than any in the bible. It teaches us amazing things: That stars are not important, there is nothing interesting about stars. Street lamps are very important, because they are so rare. As far as we know there’s only a few million of them in the universe. … And they’re built by monkeys! Who came up with philosophy and gods. And this is so much more interesting and it is so much more right. Admittedly we do err, such as when we made Tony Blair Prime minister, but given where we started from, which was crawling up some beach somewhere (…) we haven’t actually done that badly. And I’d much rather be a rising ape than a falling angel.”

 

Deutsch (eigene Übersetzung):
“Meine Religion, so wie ich das sehe, sind wir vom Universum hervorgebracht um sein Bewusstsein zu sein. Wir sagen dem Universum, was es ist. In meiner Religion ist der Bau eines Teleskops der Bau einer Kathedrale. (…) Ich finde es bei weitem interessanter, und gewissermaßen religiös betrachtet bei weitem interessanter, dass eine Gruppe von Affen von ihren Bäumen heruntergeklettert sind und lange genug nicht miteinander gestritten haben, um dies hier und und dies da zu bauen. Ich meine: Affen, unser Erbe es ist, in Schwierigkeiten auf den Baum zu klettern und Scheiße nach anderen Bäumen zu werfen. … Ich finde das so viel interessanter als gefallene Engel zu sein. … Denn in Wirklichkeit steckt in der Geschichte der Evolution eine viel interessantere Geschichte als jede beliebige aus der Bibel. Sie lehrt uns wundervolle Dinge: Dass Sterne nicht wichtig sind, eigentlich ist an den Sternen nichts interessantes. Straßenlampen sind sehr wichtig, weil es so wenige von ihnen gibt. So weit wir wissen nur wenige Millionen im gesamten Universum. … Und sie wurden von Affen gebaut! Affen, die sich Philosophie und Gottheiten haben einfallen lassen. Und ist so viel interessanter, und so viel richtiger. Zugegeben, wir irren uns schon auch mal, zum Beispiel als wir Tony Blair zum Premierminister gemacht haben, aber angesichts unseres Ursprungs, nämlich dass wir irgendeinen Strand hochgekrochen sind (…) haben wir uns eigentlich gar nicht so schlecht angestellt. Und ich will viel lieber ein aufsteigender Affe sein, als ein fallender Engel.”

Was das für mich bedeutet:
Es ist eine Betrachtung der “ganz großen Frage”: Was ist der Mensch, und wo kommt er her. Terry Pratchett vergleicht die Bibel mit dem Narrativ, den er in der Evolutionslehre erkennt. Wo Judentum und Christentum in ihrer Schöpfungsgeschichte den Sündenfall sehen, ein Ereignis, dessen Strafe, die Erbsünde, Arbeit und Schmerzen beim Gebären wir immer noch erleiden müssen, sieht Terry Pratchett die Entstehung von Bewusstsein im Universum. Durch die Ordnung der Materie auf einem kleinen Planeten irgendwo am Rande der Milchstraße entsteht Leben, und aus diesem Leben ein so komplexer Apparat, dass er Fragen nach sich selbst stellen kann. Dieser Apparat ist unser Gehirn, aber auch unsere Kultur (die verschiedene Gehirne miteinander kommunizieren lässt, in welchem Medium auch immer). Im ganzen Universum gibt es so viele Sonnen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es bewohnbare Planeten gibt, ist so gering, dass das Leben viel seltener ist. Die wahrhaft außergewöhnliche Schöpfung ist eben dieses kleine, filigrane, dieses Menschengeschlecht. Entstanden aus einem Prozess der Evolution. Nicht mit Absicht hervorgebracht, sondern durch die Gesetze der Natur so entstanden. Sie fangen mit ihren Primatengehirnen an, Fragen nach der Welt zu stellen, und über viele viele Generationen werden sie darin besser. Sie wissen heute schon so viel mehr als sie noch vor wenigen Generationen wussten. Sie organisieren komplexe Sozialsysteme die mehr oder weniger funktionieren.

Es ist ein optimistischer Zugang zur Welt, der die Gefahr des Destruktiven in uns nicht ausblendet, das Krieg und Zerstörung durchaus als problematische Eigenschaften erkennt, aber eben als Fehler, die uns mitgegeben sind, und angesichts unserer Entstehung völlig verständlich sind. Es ist aber nicht unsere Schuld, menschlich zu sein, es ist unser biologisches Erbe. Es ist etwas, was uns mitgegeben wurde, und das wir besser machen können. Wir können jeden Tag wieder entscheiden, ob wir mehr Teleskope oder Bomber bauen. Die Sache ist noch nicht entschieden, wir Menschen sind es, die das Schicksal machen, jeden Tag aufs Neue.

Es ist eine so befreiende Anschauung, die sowohl unsere Kleinheit erkennt, Zufallsprodukte der Evolution, mit Affen-Erbe zu sein, als auch unsere Bedeutung – wir (Menschheit) sind die Einzigen, von denen wir wissen, dass sie Kultur hervorgebracht haben.

2 Gedanken zu „Narrativ vom aufsteigenden Affen:“

  1. Das, was im letzten Absatz steht (der leider grammatikalisch nicht vollständig ist, bitte korrigieren :) ) bringt das Wesentliche an Terry Pratchetts Weltsicht auf den Punkt. Sie versteift sich nicht auf die “Kleinheit” des Menschen (Zufallsprodukt der Evolution auf einem kleinen Staubkörnchen im Weltall) sondern zeigt auch auf dessen Größe und Potential. Sie bringt beide Aspekte des Menschen, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen, zusammen.

    Das unterscheidet Terry Pratchett von anderen naturalistischen Denkern. Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon verweist zum Beispiel gerne darauf, dass es reine Selbstüberschätzung des Menschen sei, dass er sich “Homo Sapiens” (“der Weise, Kluge Mensch”) nennt. Er degradiert den Menschen (man möchte fast sagen: mit deutscher Gründlichkeit) zu einem “nackten Affen” [1], gerne auch zum “nackten Trockennasenaffen” [2]. Diese Sicht ist zwar biologisch gesehen richtig und hat auch einen gewissen Unterhaltungswert, erscheint aber für viele Menschen eher abstoßend und liefert einfach nur ein unvollständiges Menschenbild.

    Ähnlich, aber am wesentlichen Punkt doch komplett anders argumentiert Terry Pratchett gemeinsam mit dem Mathematiker Ian Stewart und dem Biologen Jack Cohen i deren wissenschaftlich-philosophischen Fantasyroman “Die Gelehrten der Scheibenwelt” und in dessen Fortsetzungen. Sie kritisieren ebenfalls die Bezeichnung “Homo Sapiens”. Doch sie schlagen vor, dem Menschen die Bezeichnung “Pan Narrans”, “der Geschichten erzählende Affe” zu geben [3]. So streichen Sie (man möchte fast sagen: mit britischem Humor) einen wesentlichen Aspekt heraus, der den Menschen vom Tier unterscheidet. Und sie betonen, dass jeder einzelne Mensch und auch die gesamte Menschheit das Potential hat, sich vom Pan Narrans zum Homo Sapiens weiterzuentwickeln [4].

    [1] http://www.tagesspiegel.de/wissen/atheismus-eine-ethik-fuer-nackte-affen/1223340.html
    [2] http://www.wissenrockt.de/2011/06/08/eine-brucke-bauen-die-den-kunstlichen-graben-zwischen-mensch-und-tier-uberwindet-19777/
    [3] http://pannarranstheatre.com/the-name
    [4] https://en.wikipedia.org/wiki/The_Science_of_Discworld_II:_The_Globe#Ideas_and_themes

  2. Danke für den Hinweis. Der letzte Satz sollte jetzt lesbarer sein.

    In dieser Auseinandersetzung ging es mir um Terry Pratchett. Der von ihm erwähnte Astro-Physiker Carl Sagan sieht das ähnlich (und dürfte Pratchett auch inspiriert haben): Wir sind eine junge Spezies, erst wenige zigtausend Jahre alt. Wir sind vielleicht noch in der Pubertät. So oder so ähnlich formuliert er es in Cosmos.

    Wenn man davon ausgehen würde, dass wir von einem perfekten Gott mit einer bestimmten Absicht erschaffen worden sind, dann haben wir das Theodizee Problem. Beziehungsweise das äquivalent für Menschen. Wieso können wir so unvollkommen sein, wenn wir doch göttlichen Ursprung haben. Wenn wir evolutionären Ursprung haben, ist vieles davon besser verständlich. Wenn wir nicht ursprünglich annehmen, dass der Mensch völlig von der Tiernatur getrennt ist.
    Aber wenn wir dort nicht erkennen, dass wir über die Tiernatur hinausgehen, dann machen wir den anderen Fehler und reduzieren unser Potential unnötig. …

    Welche Geschichten wir erzählen ist nicht belanglos. Denn die Geschichten sagen uns, wer wir sind, und was die Welt ist. Sie bestimmen den Rahmen dessen was vorstellbar ist. Und wie Hermann an anderer Stelle geschrieben hat: Der Glaube kann Berge versetzen, oder eben auch dafür sorgen, dass sie genau da bleiben. Zum Thema hier ist “Anschauung” oder “Erzählung” beziehungsweise “Narrativ” wahrscheinlich treffender als “Glaube”, weil dadurch andere Aspekte in’s Licht gerückt werden.

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