Ein neuer Anfang

Ich möchte versuchen, meine Gedankengänge etwas organisierter und strukturierter darzulegen, so dass es leichter sein soll, ihnen zu folgen. Nach mehreren Versuchen musste ich feststellen, dass es mir dazu möglicherweise an Disziplin mangelt. Deswegen habe ich leider auch länger keinen Eintrag mehr geschafft. Mit etwas Übung und externer Hilfe bin ich aber zuversichtlich, dass ein Neustart gelingen kann, den ich hiermit wagen will.

Beginnen wir am Anfang: Atheistische Religionsgesellschaft
Entstanden ist dieser Blog um die Frage der Atheistischen Religion, daher möchte ich diesen Faden als erstes aufnehmen. In Österreich gibt es eine Bewegung, die als Atheistische Religionsgesellschaft anerkannt werden will.
Abgesehen von juristischen Fragen, was die Anerkennung bringen könnte, und wie sie zu erlangen sei, scheint mir dieses Projekt weltanschaulich interessant: Kann es so etwas wie atheistische Religion überhaupt geben, und was würde sie ausmachen?

Gott
Im Kern des Glaubensbekenntnisses steht die Frage des Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Den Atheismus im Verständnis der Atheistischen Religionsgesellschaft macht es aus, dass sie die Gottheiten als vom Menschen gemacht betrachtet. Das heißt, die Menschheit war zuerst, und hat sich ihre Gottheiten erschaffen. Anders als im Atheismus à la Richard Dawkins endet die Frage nach der Welt nicht mit der Feststellung, dass es den testamentarischen Gott nicht gibt. Es wird vielmehr die Existenz und Realität von Göttern anerkannt. Denn auch ein Gott, der von Menschen geschaffen wird, existiert. Er ist dann Produkt des Geistes, ein geistiges Wesen, das über den einzelnen Menschen hinausgeht, insofern es in der Kultur existiert und aufgehoben ist. Es bleiben viele Attribute der Gottheiten erhalten, ihre Unsterblichkeit beziehungsweise ihre Zeitlosigkeit und ihr Dasein, das den Tod des Einzelnen überdauert, und dennoch geht diese Anschauung nicht davon aus, dass diese Götter an sich und durch sich selbst in der Welt existieren und mit ihr interagieren können.

Religion – Vereinzelung
Und wie verhält sich nun der Atheismus zur Religion? Oft wird gesagt: „Atheismus ist keine Religion“ und dazu kann ich nur sagen: Stimmt. Atheismus ist keine Religion. Aber die Religionsgesellschaft heißt ja auch nicht die Religionsgesellschaft des Atheismus sondern „atheistische Religionsgesellschaft“. Die Frage ist also nicht, ob Atheismus eine Religion ist, sondern ob Religion atheistisch sein kann. Sehr oft wird Religion mit dem Glauben an Gott gewissermaßen gleichgesetzt. Oder sie wird vom Glauben getrennt und mit den Institutionen identifiziert. Meinem Verständnis nach (und damit bin ich nicht allein), ist sie ein Set von Anschauungen und vor allem Praxen, die sich mit dem Menschsein in der Welt befassen. Das religiöse daran macht aus, dass solche Fragen über den Tod hinaus gehen und auch die Metaphysik betreffen. Dass die Welt weiter gefasst wird, als das im Alltag üblich ist. Je nachdem, wen man fragt, leitet sich Religion von Rückbindung oder Wiederverbindung ab. Jedenfalls wird angenommen, dass der Mensch vereinzelt ist und sich nicht im vollen Ausmaß mitteilen und nicht im vollen Ausmaß mitempfinden kann. Die große Hoffnung, die die Menschen in die Religion beziehungsweise in Gott setzen, ist wohl dem Wunsch geschuldet, diese Trennung zu überwinden.

Religion – Götzen
Während sich herkömmliche Religionen bei ihrer Wirkung auf das Wirken ihrer Gottheiten, auf göttliches Wunder berufen, kann diese genauso mit dem Wirken menschlichen Rituals, also „magisch“ erklärt werden. Religiöse Gefühle können durch Inszenierung erzeugt werden. Die Werbebranche und die politische Propaganda liefern etliche Beispiele, dass auch ohne Anrufung von Gottheiten (als solche aufgefasst) Menschen in ihren innersten Gefühlen berührt und manipuliert werden können.

Die Bedürfnisse, die durch Religion befriedigt werden können, sind, so denke ich, universell menschlich. Und wo sie nicht von der ein oder anderen Religion befriedigt werden, tritt häufig eine säkulare Ideologie an ihre Stelle. Wenn ich also annehme, dass dieses Bedürfnis universell ist, so erscheint es sinnlos, das Bedürfnis oder seine Befriedigung zu bekämpfen. Entsprechend wenig erhoffe ich mir von einer atheistischen Bus-Werbe-Kampagne (Plakate mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott“). Denn wer nicht an den einen Gott glaubt, um dem anderen zu verfallen (Wirtschaft, Konsum, Arbeit, Nation, …) ist auch nicht wirklich befreit.

Religion im Eigenbau
Wenn ich es mit dem Atheismus ernst meine, dann muss mir daran liegen, eine Lebenspraxis zu entwickeln, die meine metaphysischen Orientierungs-Bedürfnisse befriedigen kann. Im Gegensatz zur reinen Philosophie, bei der es sich in erster Linie um theoretische Beschäftigung mit einem Thema handelt, ist Religion eine Praxis, die auch unterschiedliche Lebensbereiche verbindet. Im besten Sinne ist eine Religion eine gelebte Philosophie.

Um für Menschen wirklich verwendbar zu sein, muss die Philosophie vom reinen Denken auch ins Tun übergehen. Und sogar dort wo das Tun in aktivem Denken besteht, ist Ritualisierung von Vorteil. Ich meine damit, dass zum Beispiel das abendliche „Gebet“ als psychohygienisches Ritual aufgefasst werden kann. Als Atheist betete ich nicht zu Gott, sondern gehe in mich, orientiere mich an meinen „Göttern“: Welcher Mensch will ich sein, und bin ich auf dem richtigen Weg dorthin?

Ohne Ritual bleibt diese Möglichkeit Theorie, und die Zeit für die Fragen der Orientierung oft auf der Strecke, denn offen gestanden können die Fragen (und Antworten) auch ganz schön unangenehm sein.

… im gemeinsamen Eigenbau
Und weil es ganz schön schwer ist, für sich selbst alleine einen gültigen Wertecodex zu verfassen, und wir Menschen immer irgendwie in einen gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Zusammenhang eingebettet sind. Weil auch die Werte anderer uns beeinflussen, und wir uns von dem nur lösen können, um den Preis, dass wir noch vereinzelter sind, ist es sinnvoll, sich mit Sinnfragen nicht allein und im stillen Kämmerlein zu befassen, sondern sie gemeinsam mit anderen anzugehen. Sich in einer Gesellschaft zusammenzuschließen, die gewisse Grundanschauungen teilt. Zum Beispiel:

Wir wurden nicht von einem Gott geschaffen, kein Gott wird über uns richten, kein Gott lenkt unser Schicksal. Natürlich sind wir der Natur unterworfen, aber was wir daraus machen, ist Sache der Menschen. Wir richten übereinander und letztenendes über uns selbst. Wir haben dieses eine Leben auf Erden und wollen das Beste draus machen.

Die Atheistische Religionsgesellschaft könnte der Ort sein, an dem wir auf dieser Grundlage unsere Fragen stellen, und unsere Antworten suchen.

3 Gedanken zu „Ein neuer Anfang“

  1. Ich bin katholischer Priester und befasse mich seit Langem mit Religion, Christentum und Atheismus. Über Details zu meiner Person siehe:
    http://pfarrer-initiative.forenworld.at/viewtopic.php?f=49&t=299
    Über meine Annäherung zum Gedanken an einer atheistischen Religion siehe:
    http://pfarrer-initiative.forenworld.at/viewtopic.php?f=37&t=674
    Besonders meine letzten Beiträge, verglichen mit den Ersten, zeigen diese Entwicklung auf. Ich glaube, dass ich derzeit ein kompetentes Wissen um Religion und Atheismus habe.
    Hinzufügen möchte ich, dass ich, keinen Religionswechsel vorhabe, sosehr ich auch Ihre Bemühungen voll unterstütze. Über alle Glaubensfragen hinweg fühle ich mich an die Gemeinschaft der Gläubigen verbunden, der ich bereits mehr als 80 Jahre angehöre.

  2. Lieber Herr Draka!

    Danke für ihren Kommentar, und die Verlinkung zu ihren Gedanken.

    Wie Sie vielleicht bereits heraus gelesen haben, geht es mir nicht darum, KatholikInnen zu AtheistInnen zu konvertieren, sondern AtheistInnen die Möglichkeit der Religion ohne Selbstverleugnung aufzuzeigen.

    Ihre Gedanken zum Atheismus lesen sich sehr interessant, und ich bin immer wieder überrascht (obwohl ich es bereits gelernt haben sollte) wie offen und fortschrittlich so manch katholischer Geweihter ist.
    Es würde mich freuen, sollten Sie meinen Blog auch weiterverfolgen, und ihre Gedanken dazu mit mir teilen.

    mit freundlichen Grüßen
    Eosphoros

  3. Ein Problem, weshalb so einleuchtende Gedanken wie die von Eosphoros so wenig Reaktion auslösen, liegt nach meinen Erfahrungen in der Gläubigkeit (nicht unbedingt Religiosität) unserer Bevölkerung.
    Auch im Gespräch mit Leuten, die sowohl der Religion wie auch politischer Ideologie fernstehen, habe ich das herausgehört – etwa aus dem der Rechtfertigung eben dieser ihrer religiösen Abstinenz dienenden Halbsatz “gläubig sein kann man ja überall”.

    Hier scheinen mir die Kirchen ganze Arbeit zur Wahrung ihrer Interessen geleistet zu haben. Es ist ihnen gelungen in Jahrhunderten der Propagierung und Weiterentwicklung der von Paulus in die Welt gesetzten Sichtweise, Glaube sei eine besonders wertvolle Leistung (1Kor 13,13), Gläubigkeit in den Köpfen vieler sogar als besondere Tugend zu etablieren. Im Alten Testament kommt der Begriff “Glaube” nur sporadisch vor, und für Juden spielt er bis heute keine große Rolle (lt. Wikipedia).
    Und wohl auch nicht für Jesus. Erst in Hebr 11 wurde ausführlich schriftlich dargelegt, inwiefern der Glaube bereits der Urväter entscheidend für die paulinische Theologie ist.

    Über die Entwicklungs- und Rezeptionsgeschichte dieses Begriffs bis heute könnte (und sollte) man viel nachdenken. Mir scheint, Paulus hat hier einen Grundstein für alle ideologischen Auswüchse und Greuel (nicht nur bis heute) gelegt. Kaiser Konstantin war wohl nur der erste politische Nutznießer von in diesem Sinn gläubig gemachten und gläubig treuen Untertanen.

    Aber zurück zur ganz alltäglichen Gläubigkeit hierzulande.
    Zu dieser scheint es nämlich auch zu gehören, an die grundsätzliche Aussichtslosigkeit von Bemühungen gegen eingefahrene Machtstukturen zu glauben.
    Und dieser Glaube versetzt zwar keine Berge, aber er trägt wesentliches dazu bei, dass vorhandene Berge nicht versetzt werden, obwohl dies durch kein Naturgesetz verhindert ist.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>