Absolut und relativ

Abstract: Mit dem Verlust Gottes als absolutem Bezugspunkt wird alles relativ. Die Kritik der Gottgläubigen ist nicht ganz so unberechtigt, wie Säkulare es sich wünschen würden. Wenn ist nichts absolut ist, wird alles relativ, wenn alles relativ wird, wird das Individuum überfordert. Ich suche eine Antwort auf dieses Problem.

Überwindung Gottes
Die Geschichte der Kränkungen der Menschheit war notwendig. Es war notwendig, der Menschheit klar zu machen, wie klein sie in Wirklichkeit ist. Paradoxerweise versuchen die Religionen nichts anderes zu sagen, indem sie Gott als das große gegenüber stellen.

Doch der „ketzerische“ Weg der Kränkungen der Menschheit war begleitet von mehr-Erkenntnis über die Wirkweisen der Welt. Mithilfe solcher Berechnungen ließen sich Satelliten ins Weltall schießen und Krankheiten heilen.

Die Wissenschaften wären nicht so weit gekommen, hätte nicht die Philosophie die Grundlagen dafür gelegt. Ohne Wissenschafts- und Erkenntnis-Theorie keine Wissenschaft. Die Philosophie musste dazu zuerst den Erkenntnishorizont suchen, und es wurde und wird viel darüber gerätselt, was sich hinter dem Horizont verbirgt.

Vieles ist unklar, und das einzige was sicher scheint: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Das Bewusstsein um die Beschränktheit dessen, was uns die Wahrnehmung über die „Welt da draußen“ zuverlässig sagt, führte naturgemäß zu Unsicherheit. Und weil manche Menschen (aus Unsicherheit) Angst vor Unsicherheit haben, endeten solche Erkenntnisse nicht selten am Scheiterhaufen, im Verließ oder in der Verbannung. Zuflucht vor dieser Unsicherheit bot und bieten die Religionen, die sich an die Absolutheit ihrer Gottheiten klammern.

Wenn schon alle Erkenntnis nicht absolut sein kann, so zumindest das Göttliche, das sich ohnehin der Erkenntnis entzieht. In Umdeutungen wurde Zuflucht gesucht, Gott neu definiert bis zur Unkenntlichkeit, bis von Gott auch nur das übrig blieb, was passte.

Es hat aber, zumindest im aufgeklärten und modernen Aspekt der westlichen Welt der Säkularismus den Sieg gegen die (an)(erkannten) Religionen davon getragen. Erkämpft haben ihn Wissenschaft, Philosophie und Humanistische Politik. Aber tragen sie auch die Früchte?
Verlust des Absoluten
Wenn man den nörgelnden Zeitgeistkritiker/innen glauben darf, ist der größte Götze unserer Zeit „Ego“. Selfies bis zum Abwinken, Ich-Bezug in Blogs und wo nicht noch. Denken in Lebenslauf-Praktikabilität. Die Vergänglichkeit kann nicht als Teil des Lebens akzeptiert werden, nicht mit einem Weltschauungsapparat, der nur auf das vergehende Selbst gerichtet ist. Deswegen L’Oreal und Nivea. Deswegen werden Haarausfall und Potenzmittel besser beforscht als so manche tödliche Krankheit.

Das selbst steht natürlich nicht im luftleeren Raum. Wir werden nicht mehr durch religiöse, sondern durch „Sach“-Zwänge zum Handeln gebracht. Und beim Lebenslauf ist es schon angedeutet, aber die Janusköpfige Gottheit „Wirtschaft“ und „Arbeitsplatz“ verlangt bedingungsloser Huldigung. (hier ein Beispiel was “nicht erkannte Religion” sein könnte)

Das Credo der Postmoderne ist, dass die großen Erzählungen vorbei sind. Es wird nichts mehr geglaubt. Alles ist relativ, und Relativität bezieht sich immer auf „mich“. Das macht jeden Einzelnen zum Maß aller Dinge, und es ist verdammt anstrengend, das Maß aller Dinge zu sein, noch dazu, wenn man noch irgendwie schauen muss, dass man seine Rechnungen bezahlen kann.

Der Verlust der Großen Erzählungen war also nicht nur eine Befreiung, er war auch ein Verlust, und im Wiedererstarken fundamentalistischen Glaubens, im Frecherwerden verschiedener Religionsgemeinschaften sehe ich die Tendenz zur Radikalisierung in der Krise.

Ich spreche nicht nur von der Krise der Wirtschaft und des Staates, sondern noch dazu oder besonders von der Krise des Indiviuums. Von der Überforderung, die damit einhergeht, seines eigenen Glückes Schmied zu sein, unter Bedigungen politischer Bedeutungslosigkeit, ökonomischer Herausforderung und (meta-)physischer All-Unwissenheit.

Gott haben die Menschen in einer Art und Weise erfunden, dass er letztlich verantwortlich sein kann. Dass er Glückes Schmied zu sein vermag, doch dazu mussten wir ihm auch die Allwissenheit und Allmacht zukommen lassen. Wie soll ein Individuum, das nach derzeitigem Stand des Wissens maximal um die Hundert Jahre lebt, diesen Punkt überhaupt erreichen? Der Relativismus ist zu schwer für das Individuum alleine. Als Menschen sind wir, auf uns selbst gestellt, recht schwache Kreaturen. Deswegen ist die erfolgreichste und universelle Strategie der Menschen, sich nicht auf sich selbst stellen zu lassen, sondern einerseits Gemeinschaften zu bilden, und andererseits Werkzeuge zu erfinden.

Schließen der Lücke?
Im physischen Bereich haben wir viele verschiedene, an die Bedürfnisse angepasste, simple und komplexe Werkzeuge geschaffen, um uns der physischen Welt und umgekehrt anzupassen. Kein Mensch erwartet, dass ein anderer alleine und ohne Hilfe ein Haus baut, ohne Werkzeug zu verwenden.

Eine Erfindung im physischen ist der Spiegel. Ohne ihn, können wir uns nicht selbst sehen. Unser Gesicht bleibt uns verborgen, und es ist ein Spezifikum höher Entwickelter Intelligenzen, ihr Spiegelbild zu erkennen.

Auch im Metaphysischen kann sich ein Mensch alleine nicht sehen. Doch wie sieht ein metaphysischer Spiegel aus? Wie sehen metaphysische Werkzeuge aus? Geisteswissenschaften und Religionen sind, denke ich, Beispiele für solche Werkzeuge. Sie greifen mit Begriffen nach der Welt, sind bildgebende Verfahren für die Dimension der von Bedeutung/Sinn. Auf unterschiedliche Arten, und mit unterschiedlichen Werkzeugen. Leider zeigt die Geschichte, dass gerade die Religion dabei immer wieder ihren Hammer auf den Fuß der Philosophie hat fallen lassen, und die Antwort einer Gesellschaft, die unter der Herrschaft einer Religionsgemeinschaft stand, musste die Emanzipation dieser gegenüber sein. Die Kritik der Religion.

Wenn einmal erklärt und erkannt ist, was Religion alles nicht kann, und nicht tun sollte, sollte allerdings die Frage gestellt werden: Gibt es etwas, was sie kann, und was ist das?
Oder anders formuliert: Weil ein Rechen sich nicht zum Schneiden von Holz eigenet, ist er trotzdem ein brauchbares Werkzeug. Möglicherweise wurde bei der Säkularisierung aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und es ist etwas verloren gegangen, was uns jetzt fehlt.

Religiöse Radikalisierung aber auch Quasi-Religiöse (Ersatz?)Befriedigung wie zum Beispiel beim Shopping, sowie die Statistiken zu psychischen Krankheiten zeigen für mich, dass ein Mangel besteht. Was, wenn nur eine Art von Religion diesen Mangel füllen kann?

Dann wäre die Antwort, dass wir Religion brauchen. Für überzeugte Kirchenkritiker wäre das berechtigerweise eine verstörende Vorstellung. Was aber, wenn Religion nicht Kirchenherrschaft heißen muss, genauso wenig wie sie den Glauben an Gott voraussetzt?

In den letzten Jahren geistert, noch leise, aber vernehmbarer werdend, die Idee von atheistischer Religion herum. Dass Atheist/innen sich gemeinsam mit Religion befassen könnten, und möglicherweise als Atheist/innen ihre eigene Religion finden oder erschaffen könnten. Kann da etwas dran sein?

Religion wird in einer fundamentalen Bedeutung mit „Rückbindung“ übersetzt. Rückbindung an was? Für sämtliche Gott-Religionen natürlich an Gott, aber für Atheist/innen? Die Geschichte der Philospohie ist eine Geschichte der Auseinandersetzung mit dem, was größer ist als wir. Eine Geschichte der Frage nach dem Woher und dem Wohin. Und natürlich eine Geschichte der Suche nach dem Horizont. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem politischen, dem gesellschaftlichen, das wir Menschen erschaffen, und das häufig als über dem Individuum stehend anerkannt wird. Patriotismus, Nationalismus, Sozialismus, Etatismus, Karrierismus und Starkulte in Sport und Film sind nur Beispiele für gesellschaftlich geschaffene Bedeutungsebenen und wie viel Bedeutung ihnen bisweilen übertragen wird. Wir haben offensichtlich die Kraft, „Götter“ zu schaffen, und ein religiöses Verhältnis zu ihnen herzustellen.

Als Menschen können wir also zumindest grundsätzlich die Objekte der Rückbindung wählen, und mit Bedeutung aufladen. Wir stehen mit dieser Erkenntnis am Anfang eines Weges, nämlich unsere eigene Religion zu gestalten. Herauszufinden, von welchen Objekten gewünscht werden kann, dass sie mit religiöser Bedeutung aufgeladen werden sollen. Die Religions- und Ideologiekritik kann einmal positiv zur Anwendung kommen, und versuchen, positive Werte zu definieren, die Leitsterne werden sollen.

Durch den gemeinsamen Versuch und intellektuellen Austausch darüber, kann der Druck vom einzelnen genommen werden. Ein freiwilliges Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft eingegangen werden, Das kann entlasten, und es kann dem Leben Würze geben. Denn im Ritual, das vielen unter postmodernen Vorzeichen zu autoritär scheint, liegt die Kraft, „Heiliges“ zu schaffen. Nicht nur Objekte und Konzepte können geheiligt werden, sondern auch das allerveränglichste: Momente. Heilige Momente können Erinnerungen werden, die das Leben begleiten und füllen, also reicher machen.

Das sind die Möglichkeiten, die wir möglicherweise verlieren, wenn wir in falsch verstandener Autarkie allem Gesellschaftlichen den Rücken zuwenden.

Religionskritik heißt, die Dinge selber in die Hand nehmen. Verändern wir die Welt, physisch und metaphysisch!

Setzen wir dem verlorenen Absoluten nicht das schwache individuelle ich entgegen, sondern schaffen wir eine andere Bezugsbasis. Die Menschheit, den Intellekt, die Aufklärung oder was auch immer, und genießen wir, den Schein von Absolutheit (im gleichzeitigen Wissen um seine Relativität). Den Schein durchschauen und dennoch bewundern, das ist Transformationskraft.

Ein Gedanke zu „Absolut und relativ“

  1. Mein Denk- und Schreibstil ist anders als der von “Eosphoros”.
    Mein bisheriges Motiv, die Gründung einer atheistische Religion als sinnvoll anzusehen, war sehr pragmatisch, nämlich inspiriert durch die konkrete österreichische Gesetzeslage und den wiederkehrenden Frust bei den Versuchen, Religionskritik anzubringen.
    Ähnlich pragmatisch war es von mir gemeint, als ich meine aus intensiver (mir als Kind aufgedrückter) Katholizität entstandene Kritik an eben dieser Katholizität (und auch am Christentum ganz allgemein) vor über zehn Jahren zusammenschrieb:

    http://www.atheisten-info.at/downloads/geyer.pdf

    (Der Text wurde dann Jahre später von Erwin Peterseil illustriert und mit einer Einleitung versehen ins Netz gestellt, wofür ich ihm dankbar bin, da es sonst bei mir zu Hause vergammelt wäre.)

    Eosphoros’ Texte wirken auf mich viel visionärer, und ich fände es schade, den schönen Fluß seiner Gedanken durch zerpflückende Kommentare auseinanderzureißen. Als ich diesen seinen Text hier zu lesen begann dachte ich überhaupt nicht, dass am Ende so klar (fast zwingend) begründet sein könnte, dass “wir” so etwas wie eine “neue” Religion brauchen. Und dass sie ziemlich notwendig erscheint angesichts unserer heutigen Lebensumstände!

    Das hat meine Sicht auf dieses Projekt ein bißchen revolutioniert, und das ist gut so.

    Daher ohne irgendwas vom Text zerpflücken zu wollen dennoch ein paar (pragmatische?) Anmerkungen:

    Zur Metaphysik: Mich hat beim Wiener Kreis immer schon gestört, dass dort Metaphysik per se für Unsinn gehalten wurde. Wie denn? Alles was wir uns ausdenken (und auch alles, was im Wiener Kreis jemals gedacht wurde) waren “nur” Gedanken in irgendwelchen Gehirnen – und daher also wohl nichts Physikalisches sondern Meta-Physikalisches. (Die Gehirnströme dabei und die sonstige physikalische Basis dieser Gedanken wird ja wohl niemand mit den Gedanken selbst verwechseln.)

    Den Versuch, eine neue Religion auf vernünftiger Basis (damit Glaubenskriege deretwegen unwahrscheinlich sind) zu begründen machten meiner Information nach bereits Kant und/bzw. Lessing. Leider ohne Erfolg, die Leute wollten lieber beim Altgewohnten bleiben.
    Vielleicht haben wir ja heute (in unserer säkular gewordenen Welt) bessere Voraussetzungen.

    Und einfach ein “Ja” zur Autarkie!! (Autonomie sage ich lieber nicht so großmundig, denn es gibt ja einige Werte wie Humanität und Menschenrechte etc., denen wir uns durchaus verpflichtet fühlen.)

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