Der Tod

Der Tod

Die große Herausforderung des Lebens, ist seine Endlichkeit zu akzeptieren. Das Zusammenwirken und Gegeneinanderstehen der Vorstellung, dass die Welt weiter geht, aber man selbst endet, erzeugt emotionale Reibung. Der Tod ist kein Thema für Kindergeburtstage, und wer an den Tod erinnert macht sich, je nach sozialem Anlass äußerst unbeliebt. Manchmal ist Medizin aber auch bitter, und ebenso kann der richtige Umgang mit dem Tod das Leben schöner machen.

Die säkulare Gesellschaft jedenfalls kann mit dem Thema nicht gut umgehen. In den Werbungen sind alte Menschen immer fit, weil sie das richtige Zeug kaufen. Die Unausweichlichkeit des Tages, an dem nichts mehr hilft, wird nicht angesprochen, denn wer würde die Werbung dafür finanzieren? Welches Produkt würde man mit ihm verkaufen?

Nein, es ist so nicht ganz richtig, die Bestattung Wien fährt derzeit gerade eine Kampagne über das Sterben und die Vorbereitung darauf. Natürlich kostet so eine Kampagne kein Kinkerlitzchen, und so ist auch wieder im Gerede, ob es sich nicht nur um eine Geldverschwendung handelt.

Im Großen und Ganzen aber, das lässt sich sagen, ist das Sterben kein Thema in dem unsere (post-)moderne Gesellschaft besonders gut ist. In der Schule lernt man es nicht, dafür sind so viele Fächer zu wichtig. Ist es noch zu früh für junge Menschen, mit dem Tod konfrontiert zu werden? Können Kinder damit nicht umgehen? Wird es leichter, wenn man es als Erwachsener lernen muss? Und vor allem: Sterben nicht auch die (Groß-)Eltern der Kinder, wer schützt sie vor diesem Erlebnis?

Auch im Stadtbild geht der Tod verloren, wie mir die Lektüre von „Wofür es sich zu leben lohnt“ bewusst gemacht hat, und was seither durch Beobachtung ständig bestätigt wird. In jeder größeren Stadt müssen zig Leute pro Tag sterben, und dennoch sieht man nie, nie, nie einen Leichenwagen. Wo sind sie hin, diese Fahrzeuge, die sagen: Menschen, der Tod ist immer da, mal näher, mal weiter, mal holt er Menschen, die ihr nicht kennt, mal holt er eure Liebsten, mal holt er Euch, es ist die einzige Gewissheit und die einzige Frage ist die Zeit. Der Tod in der Öffentlichkeit ist eine Erinnerung, dass man die lieben Worte die man seinen (Groß-) Eltern sagen will, nicht ewig aufschieben soll, weil sie sonst ungehört bleiben. Der Tod in der Öffentlichkeit erfüllt uns vielleicht mit Trauer, Wut, Verzweiflung, führt vielleicht auch zu einer Suche nach Auswegen und letztlich, vielleicht, wenn wir richtig damit umgehen auch zu Akzeptanz.

Der Tod in der Öffentlichkeit, das Lehrbeispiel, das ein uns nicht bekannter Menschen uns geben kann, tut weit weniger weh, als der Tod von Nahestehenden. Er hilft uns, und sei es nur ein bisschen, wenn Menschen, die uns viel bedeuten sterben. Und wenn das passiert, können wir jede Hilfe brauchen. Es ist eine der letzten guten Taten, die ein Mensch der Gesellschaft erweisen kann, wenn er als Leiche diese Funktion des öffentlichen Todes erfüllt. Wenn er zum Memento Mori – Bedenke, dass du sterblich bist – für die Lebenden wird. Gleichzeitig bekommt er dadurch eine letzte öffentliche Anerkennung seiner Existenz. Unbekannte, die bei der Ampel hinter dem Leichenwagen stehen, und nicht wissen wer darin liegt, werden nicht umhin kommen, den Tod, und damit das Leben des Menschen im Sarg zu erkennen, und mit einem Gedankengang zu würdigen. Es ist ein letzter öffentlicher Auftritt, dessen wir alle beraubt werden, wenn wir alle im neutralen Lieferwagen vom Altersheim zum Bestattungsunternehmen beim Friedhof gefahren werden.

Aber der Tod in der Öffentlichkeit hat noch eine weitere Funktion: Das Memento Mori für die Lebenden hilft ihnen nicht nur, ein bisschen besser Vorbereitet zu sein, wenn der Tod in den Familie oder im Freundeskreis kommt. Das Memento Mori stellt auch die Frage nach dem Leben: Was ist im Leben wichtig genug, seine Zeit damit zu verbringen, die Zeit herum zu bringen, umzubringen. Wir können mit Zeit nicht anders umgehen, als dass sie vergeht. Die Frage ist, was wir tun, während sie vergeht. Das Memento Mori fragt mich: Lebe ich so, dass ich am Schluss zufrieden den Löffel abgeben und mich aus der Welt der Lebenden zurückziehen kann? Lebe ich lebendig, oder fühle ich mich wie ein Zombie, während ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne dass ich weiß, wofür?

Das Memento Mori ist eine Erinnerung, dass man das Lebendigsein, und Lebendige-Sachen-Tun nicht auf die lange Bank schieben kann. Die Bank ist nicht so lange wie man gerne hätte, und man weiß genau genommen nie, ob man morgen noch dazu kommt, das zu tun, was man heute auslässt. Das Memento Mori betont die Bedeutung der Gegenwart, der einzigen Zeit, die wir mit all unseren Sinnen erfassen können.

Yesterday is history, tomorrow a mystery.
Zukunft und Vergangenheit sind intellektuelle Konstrukte, wir können uns nur mit dem Verstand in ihnen bewegen. Sie sind deswegen nicht unwichtig, wahrscheinlich sind sie sogar etwas von dem, was uns Menschen menschlich macht. Aber gerade in einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich so stark an „Investitionen“ orientiert besteht die Gefahr vor lauter potentiellem Leben in der Zukunft das reale Leben in der Gegenwart zu vernachlässigen. Es ist etwas, das man jungen Menschen einhämmert: Mach eine gute Ausbildung, eine, die dir einen Job einbringen wird und Geld. Ich bin absolut kein Gegner von Bildung, ganz im Gegenteil sehe ich in ihr die Möglichkeit zur Verwirklichung des höheren menschlichen Potentials, aber Bildung ist etwas, was zum Menschen passen muss, zu seinen Neigungen und Interessen, nicht umgekehrt.

Einen Bildungsweg rein nach „Jobsicherheit“ und „Einkommenserwartung“ auszurichten heißt, die gegenwärtige Zeit, das Leben als JugendlicheR zu „investieren“. Sie gewissermaßen weg zu geben, um später etwas davon zu haben. Wenn diese Jugendliche eine Ausbildung macht, die sie interessiert, dann ist es Zeit, die schon während der Ausbildung ihre Früchte trägt, denn das Erlernen von etwas, das mir persönlich wichtig ist, ist bereits freudvoll verbrachte Zeit. Und das Thema, die Fragestellung, sie setzen sich natürlich im Erwachsenenleben fort.

Indem der Tod die Endlichkeit und das Ende verkündet fragt er uns: Und was machst du damit? Wenn du ein (einziges) Leben hast, wofür lohnt es sich denn zu leben? Lebst du es auch so? Das kann eine Krise auslösen, besonders, wenn man fühlt, dass die Antwort „Nein“ lautet. Und vor Krisen laufen wir, jeder für sich, oft lieber weg, als absichtlich darauf zu. Wer will schon die Krise kriegen? Wenn aber die Krise dazu führt, mein Leben neu auszurichten, so dass ich dem Memento Mori mit Selbstvertrauen und Zuversicht begegnen kann, und ihm ein kraftvolles „Ja“ entgegenbringen kann, ist es dann nicht besser, diese Krise früher als später hinter sich zu bringen? Sein Leben früher statt später auf den richtigen Pfad zu bringen?

Eine wichtige Aufgabe von Kultur ist es, uns ständig daran zu erinnern. Unsere Krise auszulösen, bevor sie all zu groß wird. Immer wieder kleine Korrekturänderungen sind vielleicht leichter vorzunehmen als die große Mid-Life-Crisis zu bewältigen.

Wenn „unsere“ kapitalistische mitteleuropäische Kultur das nicht leisten will oder leisten kann, liegt es an uns, kulturelle Räume zu schaffen, und unseren Beitrag zu bringen.

Was sagen die Propheten dazu: