Der Begriff „Atheistische“ Religionsgesellschaft.

In diesem Beitrag möchte ich mich mit einer Frage auseinander setzen, die mich selbst beschäftigt hat, und die mir auch immer wieder gestellt habe. Warum heißt die Religionsgesellschaft „Atheistisch“? Ich möchte zu diesem Namen und damit zu diesem Begriff sowohl Kritik als auch Begründungen liefern.

Erste Begründung vorweg: Es gab bereits die Atheistische Religionsgesellschaft.

Als ich auf die Religionsgesellschaft aufmerksam wurde, gab es weder eine „heidnische“ noch eine „materialistische“ noch eine „kritische“ oder sonstige Religionsgesellschaft, wohl aber eine „atheistische“. Es war die Frage, ob man wegen eines Begriffs letztlich eine neue Bewegung gründet: Lohnt es sich, Haare zu spalten?

Haare spalten (Kritik am Begriff)
Atheistisch ist ein primär negativer Begriff. zunächst wird Theos als geltend gesetzt, erst dann wird dieser Theos abgelehnt. Wäre es da nicht sinnvoller, gleich einen Begriff zu wählen, der gar nicht erst von dem ausgeht, was dann abgelehnt werden muss?

Außerdem ist Atheistisch auch ein gewisser Widerspruch: Er besteht zwischen dem Begriff „Atheismus“ und der Anschauung, dass sehr wohl Götter existieren, allerdings eben als vom Menschen gemachte.

Was bedeutet der Begriff außerdem für Agnostiker/innen, die sich selbst vielleicht als ‚Materialistisch’ oder ‚Diesseitsbezogen’ verstehen würden, sich bei ‚Atheistisch’ aber nicht ganz wohl fühlen?

Zunächst zu „Theos“
Theos bedeutet Gott, und ist dem reinen Wortlaut nach dem lateinischen Deus gleich. In der Verwendung in modernen Sprachen werden die beiden jedoch funktional getrennt: Deus ist ein Gott, der nach „Deus aut melior natura“ oder „Deus sive natura“ in erster Linie dieses große Ganze bezeichnet, das für die Schöpfung verantwortlich sein mag, oder dasjenige, innerhalb dessen das Universum existiert beziehungsweise, das mit dem Universum gleichzusetzen ist. Dieser Deus nimmt allerdings selbst keinen Anteil an der von ihm geschaffenen Welt.

Theos ist ein Gott, der die Welt nicht nur geschaffen hat, sondern ein aktives Interesse am einzelnen Menschen hat, ihnen Vorschriften macht und über sie richtet.

Deismus und Theismus ist somit nicht das Gleiche. Nach dieser Betrachtung kann man also auch Deist/innen zu den A-Theist/innen zählen.

 

Von Agnostik und/zu Atheismus
Die Agnostik sagt, dass man letztenendes nicht wissen kann. Und gewissermaßen schwer ist es, der Agnostik etwas entgegen zu werfen. Schließlich sind diverse Gottesdefinitionen gefinkelt genug, dass sie weder bewiesen noch widerlegt werden können. Gerade der Glaube zeichnet Gott aus, und damit wird er erkenntnistheoretisch schwer greifbar. Jetzt tun sich für den Atheismus zwei Möglichkeiten auf, sich begreifen zu lassen:

- Erstens kann Atheismus heißen, dass man glaubt, dass es keinen Gott gibt. „Vor dem Hintergrund der letztendlichen Unbeweisbarkeit Gottes es eine so große Anzahl von Indizien, die gegen seine Existenz sprechen, dass Gott ausgeschlossen werden muss.“ Diese Position lässt sich nicht mit Agnostik vereinbaren.

- Zweitens kann Atheismus heißen, dass man keine Veranlassung sieht, an einen Gott zu glauben: „Überall wo bisher Gott vermutet worden ist, hat die Menschheit eine andere Erklärung gefunden. Es besteht also keine Veranlassung, an die Existenz eines Gottes zu glauben.“

Diese Version besagt nicht, dass man wissen kann, ob ein Gott existiert, beziehungsweise, dass man weiß, dass dieser Gott nicht existiert. Sie sagt nur, dass man nicht an einen solchen Gott glaubt. Diese Position wäre sowohl Atheistisch als auch mit der Agnostik verträglich.

 

Und jetzt zum Positiven des Begriffs Atheismus
Atheismus als Bezeichnung für jene, die den überlieferten Erzählungen kritisch gegenüberstehen, eigene Nachforschungen anstellen, und die Welt von den Menschen her denken, hat in Europa eine lange Tradition. Mindestens seit der Zeit des Antiken Griechenland wurden Menschen für ihre Gottlosigkeit kritisiert und nicht selten verfolgt. Der Begriff verweist daher auf eine eigene (stolze) Tradition, sich dem bloß geglaubten entgegenzustellen, und die Welt ergründen zu wollen.

Atheismus geht über den Nichtglauben an den christlichen Gott hinaus und bezieht sich zumindest auch noch auf den Nichtglauben an die griechischen Götter. Der Begriff ist seit jeher verbunden mit der Tradition von Wissenschaft und Philosophie.

Was den Widerspruch zwischen dem Wort Atheismus und der Vorstellung der (anders) existierenden Götter angeht, so hat zumindest Ludwig Feuerbach selbst den gleichen Spagat gewagt. Auch er wusste, dass der Mensch Gott (nach seinem eigenen Abbild) erschaffen hatte (dieser als erschaffen daher existieren musste). Andrerseits setzt die Vorstellung von Gottheit voraus, dass sie eben vor den Menschen war, ewiger ist, als die Menschen, sodass bei einer von der Menschheit erschaffenen Gottheit nicht wirklich gesagt werden kann, dass sie als Gottheit existiert (sondern zum Beispiel als kulturelles Konzept). Der Begriff Atheismus spielt somit gewissermaßen mit diesem komplizierten Verhältnis und verweist auf seine Vieldeutigkeit.

 

Zu guter Letzt befindet sich der Diskurs um die Religion noch nicht auf einer Stufe, wo das Begriffsverständnis auf breiter Basis über den „Atheismus“ hinaus entwickelt worden wäre. Solche Begriffe wären überhaupt nur für einen viel kleineren Kreis verständlich und anknüpfbar, während der Begriff Atheismus bereits auf breiterer Basis verhandelt wird.

 

Ausblick
Vielleicht mag eine Zeit kommen, da der Begriff der Religion sich von den Vorstellungen Göttern getrennt haben mag. Eine Zeit in der die Vorstellung von Göttern nur noch historisch von Interesse ist. Vielleicht wird in einer solchen Zeit, da „Atheistische Religion“ selbstverständlich ist, irgendjemand fragen: Was heißt eigentlich Atheismus? Und dann mag diese Zeit sich einen neuen Begriff ausdenken. Und so verlockend es sein mag, dieser Entwicklung vorzugreifen, so sehr sind wir doch noch Kinder unserer eigenen Zeit, und deswegen bin ich ganz zufrieden bei der Verwendung eines Begriffes, der noch gut in unsere Zeit passt.