Der Tod

Der Tod

Die große Herausforderung des Lebens, ist seine Endlichkeit zu akzeptieren. Das Zusammenwirken und Gegeneinanderstehen der Vorstellung, dass die Welt weiter geht, aber man selbst endet, erzeugt emotionale Reibung. Der Tod ist kein Thema für Kindergeburtstage, und wer an den Tod erinnert macht sich, je nach sozialem Anlass äußerst unbeliebt. Manchmal ist Medizin aber auch bitter, und ebenso kann der richtige Umgang mit dem Tod das Leben schöner machen.

Die säkulare Gesellschaft jedenfalls kann mit dem Thema nicht gut umgehen. In den Werbungen sind alte Menschen immer fit, weil sie das richtige Zeug kaufen. Die Unausweichlichkeit des Tages, an dem nichts mehr hilft, wird nicht angesprochen, denn wer würde die Werbung dafür finanzieren? Welches Produkt würde man mit ihm verkaufen?

Nein, es ist so nicht ganz richtig, die Bestattung Wien fährt derzeit gerade eine Kampagne über das Sterben und die Vorbereitung darauf. Natürlich kostet so eine Kampagne kein Kinkerlitzchen, und so ist auch wieder im Gerede, ob es sich nicht nur um eine Geldverschwendung handelt.

Im Großen und Ganzen aber, das lässt sich sagen, ist das Sterben kein Thema in dem unsere (post-)moderne Gesellschaft besonders gut ist. In der Schule lernt man es nicht, dafür sind so viele Fächer zu wichtig. Ist es noch zu früh für junge Menschen, mit dem Tod konfrontiert zu werden? Können Kinder damit nicht umgehen? Wird es leichter, wenn man es als Erwachsener lernen muss? Und vor allem: Sterben nicht auch die (Groß-)Eltern der Kinder, wer schützt sie vor diesem Erlebnis?

Auch im Stadtbild geht der Tod verloren, wie mir die Lektüre von „Wofür es sich zu leben lohnt“ bewusst gemacht hat, und was seither durch Beobachtung ständig bestätigt wird. In jeder größeren Stadt müssen zig Leute pro Tag sterben, und dennoch sieht man nie, nie, nie einen Leichenwagen. Wo sind sie hin, diese Fahrzeuge, die sagen: Menschen, der Tod ist immer da, mal näher, mal weiter, mal holt er Menschen, die ihr nicht kennt, mal holt er eure Liebsten, mal holt er Euch, es ist die einzige Gewissheit und die einzige Frage ist die Zeit. Der Tod in der Öffentlichkeit ist eine Erinnerung, dass man die lieben Worte die man seinen (Groß-) Eltern sagen will, nicht ewig aufschieben soll, weil sie sonst ungehört bleiben. Der Tod in der Öffentlichkeit erfüllt uns vielleicht mit Trauer, Wut, Verzweiflung, führt vielleicht auch zu einer Suche nach Auswegen und letztlich, vielleicht, wenn wir richtig damit umgehen auch zu Akzeptanz.

Der Tod in der Öffentlichkeit, das Lehrbeispiel, das ein uns nicht bekannter Menschen uns geben kann, tut weit weniger weh, als der Tod von Nahestehenden. Er hilft uns, und sei es nur ein bisschen, wenn Menschen, die uns viel bedeuten sterben. Und wenn das passiert, können wir jede Hilfe brauchen. Es ist eine der letzten guten Taten, die ein Mensch der Gesellschaft erweisen kann, wenn er als Leiche diese Funktion des öffentlichen Todes erfüllt. Wenn er zum Memento Mori – Bedenke, dass du sterblich bist – für die Lebenden wird. Gleichzeitig bekommt er dadurch eine letzte öffentliche Anerkennung seiner Existenz. Unbekannte, die bei der Ampel hinter dem Leichenwagen stehen, und nicht wissen wer darin liegt, werden nicht umhin kommen, den Tod, und damit das Leben des Menschen im Sarg zu erkennen, und mit einem Gedankengang zu würdigen. Es ist ein letzter öffentlicher Auftritt, dessen wir alle beraubt werden, wenn wir alle im neutralen Lieferwagen vom Altersheim zum Bestattungsunternehmen beim Friedhof gefahren werden.

Aber der Tod in der Öffentlichkeit hat noch eine weitere Funktion: Das Memento Mori für die Lebenden hilft ihnen nicht nur, ein bisschen besser Vorbereitet zu sein, wenn der Tod in den Familie oder im Freundeskreis kommt. Das Memento Mori stellt auch die Frage nach dem Leben: Was ist im Leben wichtig genug, seine Zeit damit zu verbringen, die Zeit herum zu bringen, umzubringen. Wir können mit Zeit nicht anders umgehen, als dass sie vergeht. Die Frage ist, was wir tun, während sie vergeht. Das Memento Mori fragt mich: Lebe ich so, dass ich am Schluss zufrieden den Löffel abgeben und mich aus der Welt der Lebenden zurückziehen kann? Lebe ich lebendig, oder fühle ich mich wie ein Zombie, während ein Tag nach dem anderen vergeht, ohne dass ich weiß, wofür?

Das Memento Mori ist eine Erinnerung, dass man das Lebendigsein, und Lebendige-Sachen-Tun nicht auf die lange Bank schieben kann. Die Bank ist nicht so lange wie man gerne hätte, und man weiß genau genommen nie, ob man morgen noch dazu kommt, das zu tun, was man heute auslässt. Das Memento Mori betont die Bedeutung der Gegenwart, der einzigen Zeit, die wir mit all unseren Sinnen erfassen können.

Yesterday is history, tomorrow a mystery.
Zukunft und Vergangenheit sind intellektuelle Konstrukte, wir können uns nur mit dem Verstand in ihnen bewegen. Sie sind deswegen nicht unwichtig, wahrscheinlich sind sie sogar etwas von dem, was uns Menschen menschlich macht. Aber gerade in einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich so stark an „Investitionen“ orientiert besteht die Gefahr vor lauter potentiellem Leben in der Zukunft das reale Leben in der Gegenwart zu vernachlässigen. Es ist etwas, das man jungen Menschen einhämmert: Mach eine gute Ausbildung, eine, die dir einen Job einbringen wird und Geld. Ich bin absolut kein Gegner von Bildung, ganz im Gegenteil sehe ich in ihr die Möglichkeit zur Verwirklichung des höheren menschlichen Potentials, aber Bildung ist etwas, was zum Menschen passen muss, zu seinen Neigungen und Interessen, nicht umgekehrt.

Einen Bildungsweg rein nach „Jobsicherheit“ und „Einkommenserwartung“ auszurichten heißt, die gegenwärtige Zeit, das Leben als JugendlicheR zu „investieren“. Sie gewissermaßen weg zu geben, um später etwas davon zu haben. Wenn diese Jugendliche eine Ausbildung macht, die sie interessiert, dann ist es Zeit, die schon während der Ausbildung ihre Früchte trägt, denn das Erlernen von etwas, das mir persönlich wichtig ist, ist bereits freudvoll verbrachte Zeit. Und das Thema, die Fragestellung, sie setzen sich natürlich im Erwachsenenleben fort.

Indem der Tod die Endlichkeit und das Ende verkündet fragt er uns: Und was machst du damit? Wenn du ein (einziges) Leben hast, wofür lohnt es sich denn zu leben? Lebst du es auch so? Das kann eine Krise auslösen, besonders, wenn man fühlt, dass die Antwort „Nein“ lautet. Und vor Krisen laufen wir, jeder für sich, oft lieber weg, als absichtlich darauf zu. Wer will schon die Krise kriegen? Wenn aber die Krise dazu führt, mein Leben neu auszurichten, so dass ich dem Memento Mori mit Selbstvertrauen und Zuversicht begegnen kann, und ihm ein kraftvolles „Ja“ entgegenbringen kann, ist es dann nicht besser, diese Krise früher als später hinter sich zu bringen? Sein Leben früher statt später auf den richtigen Pfad zu bringen?

Eine wichtige Aufgabe von Kultur ist es, uns ständig daran zu erinnern. Unsere Krise auszulösen, bevor sie all zu groß wird. Immer wieder kleine Korrekturänderungen sind vielleicht leichter vorzunehmen als die große Mid-Life-Crisis zu bewältigen.

Wenn „unsere“ kapitalistische mitteleuropäische Kultur das nicht leisten will oder leisten kann, liegt es an uns, kulturelle Räume zu schaffen, und unseren Beitrag zu bringen.

Was sagen die Propheten dazu:

Narrativ vom aufsteigenden Affen:

In einer Veranstaltung des Guardian, wird Terry Pratchett gefragt, was er von Gottheiten und dem Glauben an Gottheiten hält.

https://www.youtube.com/watch?v=DXpADdYpLsI&list=PL1mQvgsUMHbUqyhPZTjJu7dDxxpD15jNy

 

Seine Antwort kommt nicht direkt zum Punkt. Er holt weit aus, empfiehlt Carl Sagan’s Cosmos (Vollkommen zurecht: Go Get it !) und entwickelt dann einen spannenden Narrativ, der es wohl wert ist, sich durch die Konfusion durchzuhören.

Original (Englisch) – Deutsche Übersetzung weiter unten
(eigenes Transscript) “My religion, such as it is, is that we are shaped by the universe to be it’s consciousness. We tell the universe, what it is. In my religion, the building of a telescope is the building of a cathedral. (…) I find it far more interesting, and in a sense far more religiously interesting, that a bunch of monkeys got down off trees and stopped arguing long enough, to build this to build that, to build everything. I mean monkeys – our heritage is in difficulties climb a tree and throw shit at other trees. … I mean actually that’s so much more interesting than being fallen angels. (…) Because in fact within the story of evolution is a story far more interesting than any in the bible. It teaches us amazing things: That stars are not important, there is nothing interesting about stars. Street lamps are very important, because they are so rare. As far as we know there’s only a few million of them in the universe. … And they’re built by monkeys! Who came up with philosophy and gods. And this is so much more interesting and it is so much more right. Admittedly we do err, such as when we made Tony Blair Prime minister, but given where we started from, which was crawling up some beach somewhere (…) we haven’t actually done that badly. And I’d much rather be a rising ape than a falling angel.”

 

Deutsch (eigene Übersetzung):
“Meine Religion, so wie ich das sehe, sind wir vom Universum hervorgebracht um sein Bewusstsein zu sein. Wir sagen dem Universum, was es ist. In meiner Religion ist der Bau eines Teleskops der Bau einer Kathedrale. (…) Ich finde es bei weitem interessanter, und gewissermaßen religiös betrachtet bei weitem interessanter, dass eine Gruppe von Affen von ihren Bäumen heruntergeklettert sind und lange genug nicht miteinander gestritten haben, um dies hier und und dies da zu bauen. Ich meine: Affen, unser Erbe es ist, in Schwierigkeiten auf den Baum zu klettern und Scheiße nach anderen Bäumen zu werfen. … Ich finde das so viel interessanter als gefallene Engel zu sein. … Denn in Wirklichkeit steckt in der Geschichte der Evolution eine viel interessantere Geschichte als jede beliebige aus der Bibel. Sie lehrt uns wundervolle Dinge: Dass Sterne nicht wichtig sind, eigentlich ist an den Sternen nichts interessantes. Straßenlampen sind sehr wichtig, weil es so wenige von ihnen gibt. So weit wir wissen nur wenige Millionen im gesamten Universum. … Und sie wurden von Affen gebaut! Affen, die sich Philosophie und Gottheiten haben einfallen lassen. Und ist so viel interessanter, und so viel richtiger. Zugegeben, wir irren uns schon auch mal, zum Beispiel als wir Tony Blair zum Premierminister gemacht haben, aber angesichts unseres Ursprungs, nämlich dass wir irgendeinen Strand hochgekrochen sind (…) haben wir uns eigentlich gar nicht so schlecht angestellt. Und ich will viel lieber ein aufsteigender Affe sein, als ein fallender Engel.”

Was das für mich bedeutet:
Es ist eine Betrachtung der “ganz großen Frage”: Was ist der Mensch, und wo kommt er her. Terry Pratchett vergleicht die Bibel mit dem Narrativ, den er in der Evolutionslehre erkennt. Wo Judentum und Christentum in ihrer Schöpfungsgeschichte den Sündenfall sehen, ein Ereignis, dessen Strafe, die Erbsünde, Arbeit und Schmerzen beim Gebären wir immer noch erleiden müssen, sieht Terry Pratchett die Entstehung von Bewusstsein im Universum. Durch die Ordnung der Materie auf einem kleinen Planeten irgendwo am Rande der Milchstraße entsteht Leben, und aus diesem Leben ein so komplexer Apparat, dass er Fragen nach sich selbst stellen kann. Dieser Apparat ist unser Gehirn, aber auch unsere Kultur (die verschiedene Gehirne miteinander kommunizieren lässt, in welchem Medium auch immer). Im ganzen Universum gibt es so viele Sonnen, und die Wahrscheinlichkeit, dass es bewohnbare Planeten gibt, ist so gering, dass das Leben viel seltener ist. Die wahrhaft außergewöhnliche Schöpfung ist eben dieses kleine, filigrane, dieses Menschengeschlecht. Entstanden aus einem Prozess der Evolution. Nicht mit Absicht hervorgebracht, sondern durch die Gesetze der Natur so entstanden. Sie fangen mit ihren Primatengehirnen an, Fragen nach der Welt zu stellen, und über viele viele Generationen werden sie darin besser. Sie wissen heute schon so viel mehr als sie noch vor wenigen Generationen wussten. Sie organisieren komplexe Sozialsysteme die mehr oder weniger funktionieren.

Es ist ein optimistischer Zugang zur Welt, der die Gefahr des Destruktiven in uns nicht ausblendet, das Krieg und Zerstörung durchaus als problematische Eigenschaften erkennt, aber eben als Fehler, die uns mitgegeben sind, und angesichts unserer Entstehung völlig verständlich sind. Es ist aber nicht unsere Schuld, menschlich zu sein, es ist unser biologisches Erbe. Es ist etwas, was uns mitgegeben wurde, und das wir besser machen können. Wir können jeden Tag wieder entscheiden, ob wir mehr Teleskope oder Bomber bauen. Die Sache ist noch nicht entschieden, wir Menschen sind es, die das Schicksal machen, jeden Tag aufs Neue.

Es ist eine so befreiende Anschauung, die sowohl unsere Kleinheit erkennt, Zufallsprodukte der Evolution, mit Affen-Erbe zu sein, als auch unsere Bedeutung – wir (Menschheit) sind die Einzigen, von denen wir wissen, dass sie Kultur hervorgebracht haben.

Der Begriff „Atheistische“ Religionsgesellschaft.

In diesem Beitrag möchte ich mich mit einer Frage auseinander setzen, die mich selbst beschäftigt hat, und die mir auch immer wieder gestellt habe. Warum heißt die Religionsgesellschaft „Atheistisch“? Ich möchte zu diesem Namen und damit zu diesem Begriff sowohl Kritik als auch Begründungen liefern.

Erste Begründung vorweg: Es gab bereits die Atheistische Religionsgesellschaft.

Als ich auf die Religionsgesellschaft aufmerksam wurde, gab es weder eine „heidnische“ noch eine „materialistische“ noch eine „kritische“ oder sonstige Religionsgesellschaft, wohl aber eine „atheistische“. Es war die Frage, ob man wegen eines Begriffs letztlich eine neue Bewegung gründet: Lohnt es sich, Haare zu spalten?

Haare spalten (Kritik am Begriff)
Atheistisch ist ein primär negativer Begriff. zunächst wird Theos als geltend gesetzt, erst dann wird dieser Theos abgelehnt. Wäre es da nicht sinnvoller, gleich einen Begriff zu wählen, der gar nicht erst von dem ausgeht, was dann abgelehnt werden muss?

Außerdem ist Atheistisch auch ein gewisser Widerspruch: Er besteht zwischen dem Begriff „Atheismus“ und der Anschauung, dass sehr wohl Götter existieren, allerdings eben als vom Menschen gemachte.

Was bedeutet der Begriff außerdem für Agnostiker/innen, die sich selbst vielleicht als ‚Materialistisch’ oder ‚Diesseitsbezogen’ verstehen würden, sich bei ‚Atheistisch’ aber nicht ganz wohl fühlen?

Zunächst zu „Theos“
Theos bedeutet Gott, und ist dem reinen Wortlaut nach dem lateinischen Deus gleich. In der Verwendung in modernen Sprachen werden die beiden jedoch funktional getrennt: Deus ist ein Gott, der nach „Deus aut melior natura“ oder „Deus sive natura“ in erster Linie dieses große Ganze bezeichnet, das für die Schöpfung verantwortlich sein mag, oder dasjenige, innerhalb dessen das Universum existiert beziehungsweise, das mit dem Universum gleichzusetzen ist. Dieser Deus nimmt allerdings selbst keinen Anteil an der von ihm geschaffenen Welt.

Theos ist ein Gott, der die Welt nicht nur geschaffen hat, sondern ein aktives Interesse am einzelnen Menschen hat, ihnen Vorschriften macht und über sie richtet.

Deismus und Theismus ist somit nicht das Gleiche. Nach dieser Betrachtung kann man also auch Deist/innen zu den A-Theist/innen zählen.

 

Von Agnostik und/zu Atheismus
Die Agnostik sagt, dass man letztenendes nicht wissen kann. Und gewissermaßen schwer ist es, der Agnostik etwas entgegen zu werfen. Schließlich sind diverse Gottesdefinitionen gefinkelt genug, dass sie weder bewiesen noch widerlegt werden können. Gerade der Glaube zeichnet Gott aus, und damit wird er erkenntnistheoretisch schwer greifbar. Jetzt tun sich für den Atheismus zwei Möglichkeiten auf, sich begreifen zu lassen:

- Erstens kann Atheismus heißen, dass man glaubt, dass es keinen Gott gibt. „Vor dem Hintergrund der letztendlichen Unbeweisbarkeit Gottes es eine so große Anzahl von Indizien, die gegen seine Existenz sprechen, dass Gott ausgeschlossen werden muss.“ Diese Position lässt sich nicht mit Agnostik vereinbaren.

- Zweitens kann Atheismus heißen, dass man keine Veranlassung sieht, an einen Gott zu glauben: „Überall wo bisher Gott vermutet worden ist, hat die Menschheit eine andere Erklärung gefunden. Es besteht also keine Veranlassung, an die Existenz eines Gottes zu glauben.“

Diese Version besagt nicht, dass man wissen kann, ob ein Gott existiert, beziehungsweise, dass man weiß, dass dieser Gott nicht existiert. Sie sagt nur, dass man nicht an einen solchen Gott glaubt. Diese Position wäre sowohl Atheistisch als auch mit der Agnostik verträglich.

 

Und jetzt zum Positiven des Begriffs Atheismus
Atheismus als Bezeichnung für jene, die den überlieferten Erzählungen kritisch gegenüberstehen, eigene Nachforschungen anstellen, und die Welt von den Menschen her denken, hat in Europa eine lange Tradition. Mindestens seit der Zeit des Antiken Griechenland wurden Menschen für ihre Gottlosigkeit kritisiert und nicht selten verfolgt. Der Begriff verweist daher auf eine eigene (stolze) Tradition, sich dem bloß geglaubten entgegenzustellen, und die Welt ergründen zu wollen.

Atheismus geht über den Nichtglauben an den christlichen Gott hinaus und bezieht sich zumindest auch noch auf den Nichtglauben an die griechischen Götter. Der Begriff ist seit jeher verbunden mit der Tradition von Wissenschaft und Philosophie.

Was den Widerspruch zwischen dem Wort Atheismus und der Vorstellung der (anders) existierenden Götter angeht, so hat zumindest Ludwig Feuerbach selbst den gleichen Spagat gewagt. Auch er wusste, dass der Mensch Gott (nach seinem eigenen Abbild) erschaffen hatte (dieser als erschaffen daher existieren musste). Andrerseits setzt die Vorstellung von Gottheit voraus, dass sie eben vor den Menschen war, ewiger ist, als die Menschen, sodass bei einer von der Menschheit erschaffenen Gottheit nicht wirklich gesagt werden kann, dass sie als Gottheit existiert (sondern zum Beispiel als kulturelles Konzept). Der Begriff Atheismus spielt somit gewissermaßen mit diesem komplizierten Verhältnis und verweist auf seine Vieldeutigkeit.

 

Zu guter Letzt befindet sich der Diskurs um die Religion noch nicht auf einer Stufe, wo das Begriffsverständnis auf breiter Basis über den „Atheismus“ hinaus entwickelt worden wäre. Solche Begriffe wären überhaupt nur für einen viel kleineren Kreis verständlich und anknüpfbar, während der Begriff Atheismus bereits auf breiterer Basis verhandelt wird.

 

Ausblick
Vielleicht mag eine Zeit kommen, da der Begriff der Religion sich von den Vorstellungen Göttern getrennt haben mag. Eine Zeit in der die Vorstellung von Göttern nur noch historisch von Interesse ist. Vielleicht wird in einer solchen Zeit, da „Atheistische Religion“ selbstverständlich ist, irgendjemand fragen: Was heißt eigentlich Atheismus? Und dann mag diese Zeit sich einen neuen Begriff ausdenken. Und so verlockend es sein mag, dieser Entwicklung vorzugreifen, so sehr sind wir doch noch Kinder unserer eigenen Zeit, und deswegen bin ich ganz zufrieden bei der Verwendung eines Begriffes, der noch gut in unsere Zeit passt.

Ein neuer Anfang

Ich möchte versuchen, meine Gedankengänge etwas organisierter und strukturierter darzulegen, so dass es leichter sein soll, ihnen zu folgen. Nach mehreren Versuchen musste ich feststellen, dass es mir dazu möglicherweise an Disziplin mangelt. Deswegen habe ich leider auch länger keinen Eintrag mehr geschafft. Mit etwas Übung und externer Hilfe bin ich aber zuversichtlich, dass ein Neustart gelingen kann, den ich hiermit wagen will.

Beginnen wir am Anfang: Atheistische Religionsgesellschaft
Entstanden ist dieser Blog um die Frage der Atheistischen Religion, daher möchte ich diesen Faden als erstes aufnehmen. In Österreich gibt es eine Bewegung, die als Atheistische Religionsgesellschaft anerkannt werden will.
Abgesehen von juristischen Fragen, was die Anerkennung bringen könnte, und wie sie zu erlangen sei, scheint mir dieses Projekt weltanschaulich interessant: Kann es so etwas wie atheistische Religion überhaupt geben, und was würde sie ausmachen?

Gott
Im Kern des Glaubensbekenntnisses steht die Frage des Verhältnis zwischen Gott und Mensch. Den Atheismus im Verständnis der Atheistischen Religionsgesellschaft macht es aus, dass sie die Gottheiten als vom Menschen gemacht betrachtet. Das heißt, die Menschheit war zuerst, und hat sich ihre Gottheiten erschaffen. Anders als im Atheismus à la Richard Dawkins endet die Frage nach der Welt nicht mit der Feststellung, dass es den testamentarischen Gott nicht gibt. Es wird vielmehr die Existenz und Realität von Göttern anerkannt. Denn auch ein Gott, der von Menschen geschaffen wird, existiert. Er ist dann Produkt des Geistes, ein geistiges Wesen, das über den einzelnen Menschen hinausgeht, insofern es in der Kultur existiert und aufgehoben ist. Es bleiben viele Attribute der Gottheiten erhalten, ihre Unsterblichkeit beziehungsweise ihre Zeitlosigkeit und ihr Dasein, das den Tod des Einzelnen überdauert, und dennoch geht diese Anschauung nicht davon aus, dass diese Götter an sich und durch sich selbst in der Welt existieren und mit ihr interagieren können.

Religion – Vereinzelung
Und wie verhält sich nun der Atheismus zur Religion? Oft wird gesagt: „Atheismus ist keine Religion“ und dazu kann ich nur sagen: Stimmt. Atheismus ist keine Religion. Aber die Religionsgesellschaft heißt ja auch nicht die Religionsgesellschaft des Atheismus sondern „atheistische Religionsgesellschaft“. Die Frage ist also nicht, ob Atheismus eine Religion ist, sondern ob Religion atheistisch sein kann. Sehr oft wird Religion mit dem Glauben an Gott gewissermaßen gleichgesetzt. Oder sie wird vom Glauben getrennt und mit den Institutionen identifiziert. Meinem Verständnis nach (und damit bin ich nicht allein), ist sie ein Set von Anschauungen und vor allem Praxen, die sich mit dem Menschsein in der Welt befassen. Das religiöse daran macht aus, dass solche Fragen über den Tod hinaus gehen und auch die Metaphysik betreffen. Dass die Welt weiter gefasst wird, als das im Alltag üblich ist. Je nachdem, wen man fragt, leitet sich Religion von Rückbindung oder Wiederverbindung ab. Jedenfalls wird angenommen, dass der Mensch vereinzelt ist und sich nicht im vollen Ausmaß mitteilen und nicht im vollen Ausmaß mitempfinden kann. Die große Hoffnung, die die Menschen in die Religion beziehungsweise in Gott setzen, ist wohl dem Wunsch geschuldet, diese Trennung zu überwinden.

Religion – Götzen
Während sich herkömmliche Religionen bei ihrer Wirkung auf das Wirken ihrer Gottheiten, auf göttliches Wunder berufen, kann diese genauso mit dem Wirken menschlichen Rituals, also „magisch“ erklärt werden. Religiöse Gefühle können durch Inszenierung erzeugt werden. Die Werbebranche und die politische Propaganda liefern etliche Beispiele, dass auch ohne Anrufung von Gottheiten (als solche aufgefasst) Menschen in ihren innersten Gefühlen berührt und manipuliert werden können.

Die Bedürfnisse, die durch Religion befriedigt werden können, sind, so denke ich, universell menschlich. Und wo sie nicht von der ein oder anderen Religion befriedigt werden, tritt häufig eine säkulare Ideologie an ihre Stelle. Wenn ich also annehme, dass dieses Bedürfnis universell ist, so erscheint es sinnlos, das Bedürfnis oder seine Befriedigung zu bekämpfen. Entsprechend wenig erhoffe ich mir von einer atheistischen Bus-Werbe-Kampagne (Plakate mit der Aufschrift „Es gibt keinen Gott“). Denn wer nicht an den einen Gott glaubt, um dem anderen zu verfallen (Wirtschaft, Konsum, Arbeit, Nation, …) ist auch nicht wirklich befreit.

Religion im Eigenbau
Wenn ich es mit dem Atheismus ernst meine, dann muss mir daran liegen, eine Lebenspraxis zu entwickeln, die meine metaphysischen Orientierungs-Bedürfnisse befriedigen kann. Im Gegensatz zur reinen Philosophie, bei der es sich in erster Linie um theoretische Beschäftigung mit einem Thema handelt, ist Religion eine Praxis, die auch unterschiedliche Lebensbereiche verbindet. Im besten Sinne ist eine Religion eine gelebte Philosophie.

Um für Menschen wirklich verwendbar zu sein, muss die Philosophie vom reinen Denken auch ins Tun übergehen. Und sogar dort wo das Tun in aktivem Denken besteht, ist Ritualisierung von Vorteil. Ich meine damit, dass zum Beispiel das abendliche „Gebet“ als psychohygienisches Ritual aufgefasst werden kann. Als Atheist betete ich nicht zu Gott, sondern gehe in mich, orientiere mich an meinen „Göttern“: Welcher Mensch will ich sein, und bin ich auf dem richtigen Weg dorthin?

Ohne Ritual bleibt diese Möglichkeit Theorie, und die Zeit für die Fragen der Orientierung oft auf der Strecke, denn offen gestanden können die Fragen (und Antworten) auch ganz schön unangenehm sein.

… im gemeinsamen Eigenbau
Und weil es ganz schön schwer ist, für sich selbst alleine einen gültigen Wertecodex zu verfassen, und wir Menschen immer irgendwie in einen gesellschaftlichen oder gemeinschaftlichen Zusammenhang eingebettet sind. Weil auch die Werte anderer uns beeinflussen, und wir uns von dem nur lösen können, um den Preis, dass wir noch vereinzelter sind, ist es sinnvoll, sich mit Sinnfragen nicht allein und im stillen Kämmerlein zu befassen, sondern sie gemeinsam mit anderen anzugehen. Sich in einer Gesellschaft zusammenzuschließen, die gewisse Grundanschauungen teilt. Zum Beispiel:

Wir wurden nicht von einem Gott geschaffen, kein Gott wird über uns richten, kein Gott lenkt unser Schicksal. Natürlich sind wir der Natur unterworfen, aber was wir daraus machen, ist Sache der Menschen. Wir richten übereinander und letztenendes über uns selbst. Wir haben dieses eine Leben auf Erden und wollen das Beste draus machen.

Die Atheistische Religionsgesellschaft könnte der Ort sein, an dem wir auf dieser Grundlage unsere Fragen stellen, und unsere Antworten suchen.

Absolut und relativ

Abstract: Mit dem Verlust Gottes als absolutem Bezugspunkt wird alles relativ. Die Kritik der Gottgläubigen ist nicht ganz so unberechtigt, wie Säkulare es sich wünschen würden. Wenn ist nichts absolut ist, wird alles relativ, wenn alles relativ wird, wird das Individuum überfordert. Ich suche eine Antwort auf dieses Problem.

Überwindung Gottes
Die Geschichte der Kränkungen der Menschheit war notwendig. Es war notwendig, der Menschheit klar zu machen, wie klein sie in Wirklichkeit ist. Paradoxerweise versuchen die Religionen nichts anderes zu sagen, indem sie Gott als das große gegenüber stellen.

Doch der „ketzerische“ Weg der Kränkungen der Menschheit war begleitet von mehr-Erkenntnis über die Wirkweisen der Welt. Mithilfe solcher Berechnungen ließen sich Satelliten ins Weltall schießen und Krankheiten heilen.

Die Wissenschaften wären nicht so weit gekommen, hätte nicht die Philosophie die Grundlagen dafür gelegt. Ohne Wissenschafts- und Erkenntnis-Theorie keine Wissenschaft. Die Philosophie musste dazu zuerst den Erkenntnishorizont suchen, und es wurde und wird viel darüber gerätselt, was sich hinter dem Horizont verbirgt.

Vieles ist unklar, und das einzige was sicher scheint: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Das Bewusstsein um die Beschränktheit dessen, was uns die Wahrnehmung über die „Welt da draußen“ zuverlässig sagt, führte naturgemäß zu Unsicherheit. Und weil manche Menschen (aus Unsicherheit) Angst vor Unsicherheit haben, endeten solche Erkenntnisse nicht selten am Scheiterhaufen, im Verließ oder in der Verbannung. Zuflucht vor dieser Unsicherheit bot und bieten die Religionen, die sich an die Absolutheit ihrer Gottheiten klammern.

Wenn schon alle Erkenntnis nicht absolut sein kann, so zumindest das Göttliche, das sich ohnehin der Erkenntnis entzieht. In Umdeutungen wurde Zuflucht gesucht, Gott neu definiert bis zur Unkenntlichkeit, bis von Gott auch nur das übrig blieb, was passte.

Es hat aber, zumindest im aufgeklärten und modernen Aspekt der westlichen Welt der Säkularismus den Sieg gegen die (an)(erkannten) Religionen davon getragen. Erkämpft haben ihn Wissenschaft, Philosophie und Humanistische Politik. Aber tragen sie auch die Früchte?
Verlust des Absoluten
Wenn man den nörgelnden Zeitgeistkritiker/innen glauben darf, ist der größte Götze unserer Zeit „Ego“. Selfies bis zum Abwinken, Ich-Bezug in Blogs und wo nicht noch. Denken in Lebenslauf-Praktikabilität. Die Vergänglichkeit kann nicht als Teil des Lebens akzeptiert werden, nicht mit einem Weltschauungsapparat, der nur auf das vergehende Selbst gerichtet ist. Deswegen L’Oreal und Nivea. Deswegen werden Haarausfall und Potenzmittel besser beforscht als so manche tödliche Krankheit.

Das selbst steht natürlich nicht im luftleeren Raum. Wir werden nicht mehr durch religiöse, sondern durch „Sach“-Zwänge zum Handeln gebracht. Und beim Lebenslauf ist es schon angedeutet, aber die Janusköpfige Gottheit „Wirtschaft“ und „Arbeitsplatz“ verlangt bedingungsloser Huldigung. (hier ein Beispiel was “nicht erkannte Religion” sein könnte)

Das Credo der Postmoderne ist, dass die großen Erzählungen vorbei sind. Es wird nichts mehr geglaubt. Alles ist relativ, und Relativität bezieht sich immer auf „mich“. Das macht jeden Einzelnen zum Maß aller Dinge, und es ist verdammt anstrengend, das Maß aller Dinge zu sein, noch dazu, wenn man noch irgendwie schauen muss, dass man seine Rechnungen bezahlen kann.

Der Verlust der Großen Erzählungen war also nicht nur eine Befreiung, er war auch ein Verlust, und im Wiedererstarken fundamentalistischen Glaubens, im Frecherwerden verschiedener Religionsgemeinschaften sehe ich die Tendenz zur Radikalisierung in der Krise.

Ich spreche nicht nur von der Krise der Wirtschaft und des Staates, sondern noch dazu oder besonders von der Krise des Indiviuums. Von der Überforderung, die damit einhergeht, seines eigenen Glückes Schmied zu sein, unter Bedigungen politischer Bedeutungslosigkeit, ökonomischer Herausforderung und (meta-)physischer All-Unwissenheit.

Gott haben die Menschen in einer Art und Weise erfunden, dass er letztlich verantwortlich sein kann. Dass er Glückes Schmied zu sein vermag, doch dazu mussten wir ihm auch die Allwissenheit und Allmacht zukommen lassen. Wie soll ein Individuum, das nach derzeitigem Stand des Wissens maximal um die Hundert Jahre lebt, diesen Punkt überhaupt erreichen? Der Relativismus ist zu schwer für das Individuum alleine. Als Menschen sind wir, auf uns selbst gestellt, recht schwache Kreaturen. Deswegen ist die erfolgreichste und universelle Strategie der Menschen, sich nicht auf sich selbst stellen zu lassen, sondern einerseits Gemeinschaften zu bilden, und andererseits Werkzeuge zu erfinden.

Schließen der Lücke?
Im physischen Bereich haben wir viele verschiedene, an die Bedürfnisse angepasste, simple und komplexe Werkzeuge geschaffen, um uns der physischen Welt und umgekehrt anzupassen. Kein Mensch erwartet, dass ein anderer alleine und ohne Hilfe ein Haus baut, ohne Werkzeug zu verwenden.

Eine Erfindung im physischen ist der Spiegel. Ohne ihn, können wir uns nicht selbst sehen. Unser Gesicht bleibt uns verborgen, und es ist ein Spezifikum höher Entwickelter Intelligenzen, ihr Spiegelbild zu erkennen.

Auch im Metaphysischen kann sich ein Mensch alleine nicht sehen. Doch wie sieht ein metaphysischer Spiegel aus? Wie sehen metaphysische Werkzeuge aus? Geisteswissenschaften und Religionen sind, denke ich, Beispiele für solche Werkzeuge. Sie greifen mit Begriffen nach der Welt, sind bildgebende Verfahren für die Dimension der von Bedeutung/Sinn. Auf unterschiedliche Arten, und mit unterschiedlichen Werkzeugen. Leider zeigt die Geschichte, dass gerade die Religion dabei immer wieder ihren Hammer auf den Fuß der Philosophie hat fallen lassen, und die Antwort einer Gesellschaft, die unter der Herrschaft einer Religionsgemeinschaft stand, musste die Emanzipation dieser gegenüber sein. Die Kritik der Religion.

Wenn einmal erklärt und erkannt ist, was Religion alles nicht kann, und nicht tun sollte, sollte allerdings die Frage gestellt werden: Gibt es etwas, was sie kann, und was ist das?
Oder anders formuliert: Weil ein Rechen sich nicht zum Schneiden von Holz eigenet, ist er trotzdem ein brauchbares Werkzeug. Möglicherweise wurde bei der Säkularisierung aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und es ist etwas verloren gegangen, was uns jetzt fehlt.

Religiöse Radikalisierung aber auch Quasi-Religiöse (Ersatz?)Befriedigung wie zum Beispiel beim Shopping, sowie die Statistiken zu psychischen Krankheiten zeigen für mich, dass ein Mangel besteht. Was, wenn nur eine Art von Religion diesen Mangel füllen kann?

Dann wäre die Antwort, dass wir Religion brauchen. Für überzeugte Kirchenkritiker wäre das berechtigerweise eine verstörende Vorstellung. Was aber, wenn Religion nicht Kirchenherrschaft heißen muss, genauso wenig wie sie den Glauben an Gott voraussetzt?

In den letzten Jahren geistert, noch leise, aber vernehmbarer werdend, die Idee von atheistischer Religion herum. Dass Atheist/innen sich gemeinsam mit Religion befassen könnten, und möglicherweise als Atheist/innen ihre eigene Religion finden oder erschaffen könnten. Kann da etwas dran sein?

Religion wird in einer fundamentalen Bedeutung mit „Rückbindung“ übersetzt. Rückbindung an was? Für sämtliche Gott-Religionen natürlich an Gott, aber für Atheist/innen? Die Geschichte der Philospohie ist eine Geschichte der Auseinandersetzung mit dem, was größer ist als wir. Eine Geschichte der Frage nach dem Woher und dem Wohin. Und natürlich eine Geschichte der Suche nach dem Horizont. Es ist auch eine Auseinandersetzung mit dem politischen, dem gesellschaftlichen, das wir Menschen erschaffen, und das häufig als über dem Individuum stehend anerkannt wird. Patriotismus, Nationalismus, Sozialismus, Etatismus, Karrierismus und Starkulte in Sport und Film sind nur Beispiele für gesellschaftlich geschaffene Bedeutungsebenen und wie viel Bedeutung ihnen bisweilen übertragen wird. Wir haben offensichtlich die Kraft, „Götter“ zu schaffen, und ein religiöses Verhältnis zu ihnen herzustellen.

Als Menschen können wir also zumindest grundsätzlich die Objekte der Rückbindung wählen, und mit Bedeutung aufladen. Wir stehen mit dieser Erkenntnis am Anfang eines Weges, nämlich unsere eigene Religion zu gestalten. Herauszufinden, von welchen Objekten gewünscht werden kann, dass sie mit religiöser Bedeutung aufgeladen werden sollen. Die Religions- und Ideologiekritik kann einmal positiv zur Anwendung kommen, und versuchen, positive Werte zu definieren, die Leitsterne werden sollen.

Durch den gemeinsamen Versuch und intellektuellen Austausch darüber, kann der Druck vom einzelnen genommen werden. Ein freiwilliges Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft eingegangen werden, Das kann entlasten, und es kann dem Leben Würze geben. Denn im Ritual, das vielen unter postmodernen Vorzeichen zu autoritär scheint, liegt die Kraft, „Heiliges“ zu schaffen. Nicht nur Objekte und Konzepte können geheiligt werden, sondern auch das allerveränglichste: Momente. Heilige Momente können Erinnerungen werden, die das Leben begleiten und füllen, also reicher machen.

Das sind die Möglichkeiten, die wir möglicherweise verlieren, wenn wir in falsch verstandener Autarkie allem Gesellschaftlichen den Rücken zuwenden.

Religionskritik heißt, die Dinge selber in die Hand nehmen. Verändern wir die Welt, physisch und metaphysisch!

Setzen wir dem verlorenen Absoluten nicht das schwache individuelle ich entgegen, sondern schaffen wir eine andere Bezugsbasis. Die Menschheit, den Intellekt, die Aufklärung oder was auch immer, und genießen wir, den Schein von Absolutheit (im gleichzeitigen Wissen um seine Relativität). Den Schein durchschauen und dennoch bewundern, das ist Transformationskraft.

Um was es in diesem Blog gehen wird

Es wurde mir, bereits mehr als einmal gesagt, dass ich das Offensichtliche anspreche. Die Erinnerung trübt vieles und ich bin mir nicht ganz sicher ob nicht einmal dabei das Wort Talent gefallen ist, also dass ich ein Talent dafür habe, das Offensichtliche zu sagen.

Auch wenn ich nicht vorhabe, in diesem Blog nur das Offensichtliche wieder zu geben, wird es doch immer wieder vorkommen. Zum Teil, weil ich mir nicht immer dessen bewusst bin, dass das, was ich gerade sagen will, für andere offensichtlich ist (wir starten alle von wo anders) und zum anderen, weil das, was allzu sichtbar ist, oft nicht mehr wahrgenommen wird. Es besteht ein Unterschied zwischen ge-wusst und be-wusst.

Geben Sie mir bitte ein bis zwei Seiten, um mein Anliegen darzustellen. Wenn es Ihnen dann nicht gefällt, danke ich Ihnen für den Versuch. Wenn es Ihnen gefällt, haben wir beide gewonnen.

Ich will mich in diesem Blog mit Magie befassen. Nicht mit Magie im Sinne von Feuerbällen und Telekinese, sondern im Sinne von Besonderem und Heiligem, das sich in unserer normalen Sprache so schwer fassen lässt. Ich möchte mich mit Dingen und Praxen befassen, die vielleicht objektiv unwichtig, aber für den einzelnen subjektiv von großer Bedeutung sein können.

Ich bin Atheist und gehe im Großen und Ganzen nicht davon aus, dass es körperlose Geister gibt, die in der physischen Welt herumspuken. Ich glaube aber, dass es Geister gibt, die in unseren Köpfen herumspuken. In jedem einzelnen individuell und in unserer Kultur als Kollektiv. Ich möchte mich mit der Frage befassen, was solche Geister sind, wie man sie rufen oder bannen kann, wie sie wachsen, wie sie sich verändern. Ich möchte in die Unsichtbarkeit schauen, und erzählen, was ich sehe. Ich möchte dies in einer fantastischen Sprache tun, nicht in einer nüchtern wissenschaftlichen, denn nüchtern sind wir schon oft genug. Das hier soll auch keine wissenschaftliche Abhandlung sein. Immer wieder lasse ich mich natürlich von anderen inspirieren (im wahrsten Sinne des Wortes: begeistern) und ich möchte mir die Gedanken derjenigen auch nicht anmaßen. Wo es passt will ich verweisen, Zitate werden wohl vorkommen, aber ich stelle nicht den Anspruch wie an eine wissenschaftliche Arbeit.

Ich interessiere mich für ein Projekt, das in Österreich gerade läuft, den Versuch, eine atheistische Religionsgesellschaft zu gründen und anerkennen zu lassen.

Atheistisch und Religionsgesellschaft?

Richtig gehört. Es ist eine falsche Koppelung von Theos und Religion, die sich des breiten Bewusstseins bemächtigt hat. Das Gegenstück zu Theismus ist Atheismus. Das Gegenstück zu Religiosität wäre wohl Areligiosität. Ich würde auch den Nihilismus als Gegenstück zur Religion begreifen. Aber nur weil ich nicht glaube, dass wir von einem Theos, einem personalen Gott erschaffen wurden, heißt das nicht, dass ich mich nicht mit den Mysterien des Seins befassen will und kann. Und letzlich handelt es sich bei Religion doch um die Herstellung einer Verbindung zwischen dem religiösen Menschen und dem Mysterium des Seins. Und wer sich mit Philosophie oder Wissenschaft ernsthaft befasst, weiß was ich meine, ohne dass wir den alten Herrn mit seinem weißen Bart wecken müssen.

Eine atheistische religiöse Perspektive steht meines Erachtens nicht im Widerspruch zu einer wissenschaftlichen Weltanschauung, auch wenn der Vergleich hinkt, aber Fotographie steht auch nicht im Widerspruch zu einer verbalen Beschreibung. Es sind unterschiedliche Wege die Welt zu betrachten. Und unterschiedliche Objekte der Anschauung.

Wissenschaft möchte erklären, was die Welt ist, und wie sie funktioniert. Religion sollte (!) sich darauf beschränken die Position des Menschen in der Welt zu behandeln. Ich sage Religion und meine Philosophie. Die Wissenschaft sagt was möglich ist, die Philosophie fragt, was wünschenswert ist. Die Religion, so wie ich sie verstehe ist eine Praxis der Philosophie. Die Philosophie, mit dem Kopf in den Wolken betrachtet die Welt, oft aus großer Distanz (Elfenbeinturm). Ihre Begriffe zu lernen und zu verstehen ist eine lohnende Aufgabe, braucht aber Zeit, die manche nicht haben, oder nicht haben wollen. Die Ergebnisse der Philosophie sind oft Erkenntnisse. Nicht mehr, und nicht weniger. Erkenntnisse sind immer noch im Kopf zuhause. Religion kann diese Erkenntnisse in den Körper bringen, ihnen eine Praxis zuordnen. Die Erkenntnis „Wir sollten mehr Zeit haben, um die Schönheit der Natur zu genießen“ kann zu einer Praxis: Mindestens einmal in der Woche gehen wir spazieren, oder setzen uns unter einen Baum oder pflücken einen Blumenstrauß. Natürlich brauche ich keine Bibel um das zu tun. Aber ohne (religiösen) Kalender, ohne eine Gesinnungsgemeinschaft, die mich daran erinnert, ist die Gefahr doch recht groß, dass gerade diese kleinen Momente von der Dringlichkeit des Alltags verdrängt werden.

Das was ich Magie nenne, verstehe ich als eine Betrachtung, die den Menschen als Schöpfer seiner Bedeutung betrachtet. Nicht weil wir von Gott geschaffen sind, sind wir besonders. Wir sind nicht die Krone der Schöpfung. Aber wir schaffen Bedeutung. Bedeutung ist der Welt nicht eigen, sie bekommt sie von den Menschen verliehen und hat auch nur für Menschen Gültigkeit. Bedeutung und Sinn sind keine Kategorien der physikalischen Welt, deswegen aber alles andere als unwichtig. Das bedeutet es, eine magische Weltanschauung zu vertreten. Mein Verständnis von Magie ist die Praxis, die ein nebeneinander von Wissenschaft und Religion ermöglicht. Vielleicht wäre auch der Begriff einer wahrhaft „aufgeklärten Religion“ passend. Worum es jedenfalls geht:

Niemand darf sich in seinem Handeln auf Gott berufen, denn Gott ist ein Ergebnis menschlicher Phantasie. Phantasie, indem sie Götter erschaffen kann, ist nicht als „Hirngespinst“ abzutun, sondern als Produktionsmittel, als schöpferische Kraft zu feiern.

Wer mir wissenschaftlich erklären kann, was es heißt, gut zu leben, bitte her damit. Ich für meinen Teil habe den Eindruck, dass das eine Frage ist, die sich nicht im engeren Sinn wissenschaftlich stellen und beantworten lässt. Und solange die Wissenschaft sich nicht mit einem so wichtigen Bereich der Welt auseinandersetzt, kann sie nicht berechtigt den Allein-Vertretungsanspruch menschlicher Erkenntnis stellen. Es muss eine Form der Erkenntnis außerhalb geben. Alles was der Liebe zur Erkenntnis entspricht fällt unter das Dach der Philosophie. Diese Fragen des Lebens, der Einbindung in das größere Gesamte, in eine Welt, die vor unserer Geburt bestand, und die unseren Tod überdauern wird, ist eine religiöse Frage. Eine religiöse Frage, die philosophisch behandelt werden kann.

Niemand darf sich auf Gott berufen, denn Gott ist ein Ergebnis menschlicher Phantasie. Und wenn wir Menschen schon Gott geschaffen haben, dann sind natürlich auch seine Gebote von uns gemacht. Und wenn seine Gebote von uns gemacht sind, dann besteht kein Anlass sie höher zu achten als die Gesetze, die wir gemacht haben.

Auf dieser Basis ab ins Abenteuer.